Misericordias Domini

Der gute Hirte  Predigt zu Ezechiel 34,1-2.10-16

Foto docplayer.org

Guten Morgen, liebes Gegenüber,

an diesem zweiten Sonntag nach dem Osterfest.

Ein wunderschönes Bild von Gott steht heute im Mittelpunkt: Gott, der gute Hirte.

Bei keinem anderen lasse ich es zu, ein Schaf sein zu wollen, bei keinem anderen als Gott selbst. Gerade jetzt angesichts all der Differenzen auf Regierungsebene oder auch in der politischen Landschaft vor Ort.

Und an vielen anderen Stellen der Bibel im ersten bzw. alten und genauso im neuen Testament. Und ebenso von Schafen, die öfter einmal in die Irre gehen. Und doch gerettet werden. Nicht immer sorgen Hirten gut, es gibt auch die anderen Hirten

Und vermutlich haben auch Sie Bilder von Hirten im Kopf. Vielleicht religiöse Bilder wie das von Jesus selbst, der ein Schäfchen auf dem Arm oder um den Hals gelegt trägt, vielleicht auch andere von Hirtinnen oder Hirten mit ihren Schafherden, die Sie selbst gesehen haben?

In Psalm 23 spricht ein Mensch von seinen Erfahrungen mit Gott, im Rückblick und im vollen Vertrauen in der Gegenwart und auf die Zukunft:

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße
Um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,
fürchte ich kein Unglück,
denn du bist bei mir,
Dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch
Im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
Und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang
Und ich werde bleiben im Hause des Herrn
Immerdar.

Aus der Warte des Hirten selbst wird bei Ezechiel erzählt. Das Buch dieses Propheten führt uns in eine für Israel furchtbare Zeit, eine, die wir uns ähnlich wie die heutige in Afghanistan bzw. vielleicht auch Pakistan vorstellen können: Die Menschen lebten im Exil in Babylonien, als Fremde bedroht und bedrängt, auch von den eigenen Leuten, viele in Armut, voller Ungewissheit und voller Angst.

Warum es so gekommen war, wird in dem ersten Teil des Prophetenbuches geschildert, hier nun, mit dem Predigttext für diesen Sonntag (Ezechiel 34,1-2.10-16) tauchen wir ein in Zusagen, die Hoffnung wecken.

1Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

10So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.

11Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.

12Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.

13Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande.

14Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.

15Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.

16Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

31Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Da wird ein großes Licht der Hoffnung angezündet. Mir geht ein Taizélied durch den Kopf ‚Dans nos obscurités allume le feu, qui ne s’éteint jamais, qui ne s’éteint jamais‘ – In unseren Dunkelheiten entzünde das Licht, das niemals mehr verlischt, das niemals mehr verlischt.

Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Mensch die Worte aus dem Ezechielbuch wohl hört, der hier bei uns in der Fremde lebt. Und so denke ich an einen, nennen wir ihn für heute Khaled, der hier bei uns in Tirol lebt. Er sorgt sich um seine Familie, die er bei seiner Flucht in Afghanistan zurücklassen musste. Gerade jetzt, wo Muslime auf der ganzen Welt Ramadan feiern, gerade jetzt vermisst er sie besonders, nicht nur das Fastenbrechen am Abend mit der ganzen Verwandtschaft, er vermisst die ganze Atmosphäre und hat Heimweh. Er selbst ist Christ geworden hier in Österreich. Sehr gern, voller Dankbarkeit. Denn seine Erfahrungen mit dem Terror-Islamismus der Taliban hatten ihm seine Kindheitsreligion zutiefst verleidet. Er ist dankbar, hier zu sein. Doch alles ist unsicher. Wird er bleiben dürfen, wird er vielleicht auch bald seine Familie hierherholen dürfen? Seine Frau ist Schneiderin, er selbst Fliesenleger. Sie würden dem Staat nicht auf der Tasche liegen….

Als Kind hat er selbst Schafe gehütet, erzählt er. ‚Keine leichte Aufgabe‘ erzählte er schmunzelnd. Und gefährlich war es auch, das wussten die Kinder, wenn sich Schafe in vermintes Gebiet verirrten.

Khaled ist zuversichtlich, dass Gott genauso wie es hier bei Ezechiel geschildert wird, für ihn sorgt. Trotz aller Unsicherheit wegen seines Aufenthaltsstatus.

Und gerade der letzte Vers ist einer, der ihm wichtig ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein und ich will euer Gott sein. ‚Khaled ist manchmal wie ein Kind‘, erzählt mir einer seiner Freunde schmunzelnd. So in seiner Freude und so vertrauensvoll in seinem Glauben.

‚Wie ein Kind‘. Mir geht eine Zeitungsnotiz der letzten Tage durch den Kopf. Da wurde von einer eindrücklichen Spendenaktion für MS-Kranke berichtet. Ein 10jähriges Mädchen in England habe für Spenden geworben und liefe dafür rund 20 Meilen. Das ist nicht viel, es sind ca. 32 Kilometer und das ist die Entfernung bis zu ihrem geliebten Großvater. In mehreren Etappen läuft sie, dieses kleine Mädchen mit Down-Syndrom.

In meinem Kopf ist immer noch ein ‚Ach, die Arme‘. Aber das beruht vielleicht auf Gegenseitigkeit, wenn sie uns kennen lernen würde mit unserem manchmal so kleinen Gottvertrauen.

Vor zwei Wochen haben wir Ostern gefeiert, die Auferstehung Jesu, das Leben selbst. Der Schnee und die Kälte der vergangenen Tage haben bei so manchen die Freude und das Aufatmen wieder zugedeckt. Mit diesen Zusagen Gottes, von denen der Prophet Ezechiel erzählt, werden sie wieder wachgeküsst, unsere Hoffnungen. So wie die Sonne das Gras wieder aufrichtet und den Löwenzahn und viele andere Blumen und Blüten.

Eine irrsinnig große Kraft ist das, diese Macht, dieser Gott des Lebens, der die Menschen aufrichtet. Der das Verlorene sucht und das Verirrte zurückbringt. Gott verbindet, was wund ist, Gott stärkt das Schwache und behütet, was fett und stark ist.

Gott, so lesen wir bei Ezechiel sorgt wie ein Hirte für seine, wie eine Hirtin für ihre Schafe. Und zwar für alle. Gott kümmert sich bedingungslos, schaut nicht auf Moral, auf Farbe, sondern auf Gefährdung. Ganz konkret, was Notlagen angeht, auch die materiellen.

Von Jesus haben wir Christinnen und Christen gelernt, dass wir dazu beitragen können, dass Menschen behutsam und liebevoll aufgerichtet werden. Und von vielen in seiner Nachfolge werden wir selbst aufgerichtet, wenn wir matt werden und in die Knie gehen. Es tröstet gerade jetzt Allesamt behütet von diesem Gott Israels, der auch uns behütet.
Und der. wie ich glaube, nicht nur uns Juden und Christen behütet, sondern alle Menschen und alles, was lebt.

Amen

Gott segne und behüte Dich, liebes Gegenüber

Gott lasse leuchten ihr Angesicht über Dir

und sei Dir gnädig;

Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und

schenke Dir Frieden.

So segne und behüte Dich

Gott Vater Sohn und Heilige Geistkraft

Amen

Foto: Philipp Spalek / Caritas international